Runensteine und Bildsteine: Steinerne Zeugen
Runensteine Bildsteine im Vergleich: Jelling als Gedenkstein, gotländische Bildsteine mit Sleipnir, Walküren und Schiffen. Was sie über Schrift und Glauben verraten.
Wenn Stein zum Sprechen gebracht wird
Die meisten Wikinger hinterließen keine Bücher. Wer ihre Welt aus erster Hand verstehen will, muss lesen lernen, was sie in Stein gehauen haben. Und hier lohnt eine Unterscheidung, die oft verwischt wird: Runensteine und Bildsteine sind nicht dasselbe. Beide sind steinerne Zeugen der nordischen Frühgeschichte, doch sie erzählen auf grundverschiedene Weise. Die einen schreiben mit Buchstaben, die anderen mit Bildern. Wer beide nebeneinanderstellt, bekommt ein erstaunlich konkretes Bild davon, wie im Norden gedacht, getrauert und geglaubt wurde.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was Runensteine und Bildsteine voneinander trennt, was wir aus ihnen wirklich wissen können und wo die Forschung ehrlicherweise ins Raten gerät.

Runensteine: Gedenken in Buchstaben
Runensteine sind in erster Linie Gedenksteine. Die überwältigende Mehrheit folgt einer Formel: „X errichtete diesen Stein zum Gedenken an Y.” Sie nennen Verwandtschaftsverhältnisse, würdigen Verstorbene, sichern mitunter Erbansprüche oder erinnern an Brückenbauten. Geschrieben sind sie fast durchweg im jüngeren Futhark, dem auf 16 Zeichen reduzierten Runenalphabet der Wikingerzeit.
Allein in Schweden schätzt man die Zahl der Runensteine je nach Definition auf rund 1.700 bis 2.500. Die Landschaft Uppland trägt mit etwa 1.196 Inschriften die mit Abstand höchste Dichte. Ihren Höhepunkt erreichte die Sitte im 11. Jahrhundert, also bereits in einer Zeit des religiösen Umbruchs.
Jelling: Dänemarks „Taufschein”
Das berühmteste Beispiel steht im dänischen Jelling. Dort gibt es zwei Steine. Den kleineren ließ König Gorm der Alte zum Gedenken an seine Frau Thyra errichten. Den großen setzte um 965 sein Sohn Harald Blauzahn seinen Eltern Gorm und Thyra. Die Inschrift ist ein politisches Statement in Stein: Harald rühmt sich, „ganz Dänemark und Norwegen für sich gewonnen und die Dänen zu Christen gemacht” zu haben.
Genau das macht Jelling so besonders. Der große Stein trägt das älteste bekannte Christusbild Skandinaviens — Christus dargestellt in Kreuzform, verschlungen in rankenartige Bänder. Der Kunsthistoriker Rudolf Broby-Johansen prägte in den 1930er Jahren das Schlagwort „Dänemarks Taufschein” (Danmarks dåbsattest). Seit 1994 gehören die Jelling-Monumente zum UNESCO-Welterbe. Sie zeigen den Moment, in dem heidnische und christliche Welt im selben Denkmal aufeinandertreffen: hier der mächtige „Jelling-Löwe” im nordischen Tierstil, dort der gekreuzigte Christus.
Bildsteine: Erzählen ohne Worte
Ganz anders die gotländischen Bildsteine. Sie kommen fast ausschließlich von der Ostseeinsel Gotland und erstrecken sich über einen langen Zeitraum von etwa 400 bis 1100 n. Chr. Der Archäologe Sune Lindqvist katalogisierte sie in seinem Standardwerk Gotlands Bildsteine (1941/42) und teilte sie in fünf Phasen A bis E ein. Damals kannte man rund 240 Stücke; heute sind etwa 570 Bildsteine und Fragmente registriert.
Bildsteine tragen oft gar keine oder nur knappe Inschriften. Stattdessen sind sie mit ganzen Bildprogrammen bedeckt: Schiffe mit prall gefülltem Segel, Reiter, Kampfszenen, Prozessionen. Das häufigste Motiv ist das Schiff — vielfach gedeutet als „Totenschiff”, das den Verstorbenen ins Jenseits trägt.
Sleipnir, Walküren und das Willkommen in Walhall
Der berühmteste Bildstein ist der von Tjängvide (datiert auf etwa 700 bis 900 n. Chr., 1844 entdeckt, heute im Historischen Museum in Stockholm). Sein oberes Feld zeigt ein großes achtbeiniges Pferd mit Reiter, dem eine Frau ein Trinkhorn reicht. Darunter ein Langschiff. Die geläufige Deutung: Odin auf seinem achtbeinigen Ross Sleipnir — oder ein Toter, der in Walhall ankommt und von einer Walküre mit dem Willkommenstrunk empfangen wird. Dieses „Willkommensmotiv” mit der Frau und dem Horn kehrt auf mehreren gotländischen Steinen wieder.
Mythos vs. Wahrheit
Hier ist Vorsicht geboten, denn populäre Deutungen laufen den belegbaren Fakten oft voraus.
| Verbreitete Annahme | Was die Forschung sagt |
|---|---|
| „Runensteine sind heidnische Götterdenkmäler.” | Die meisten sind nüchterne Gedenksteine für Verstorbene; viele, wie Jelling, sind sogar christlich. |
| „Jelling-Runen sind uraltes Futhark.” | Es ist das jüngere Futhark mit 16 Zeichen, das wikingerzeitliche Alltagsalphabet. |
| „Der achtbeinige Reiter ist eindeutig Odin.” | Wahrscheinlich, aber nicht gesichert. Möglich sind auch Sigurd oder ein lebender Heimkehrer; die acht Beine könnten schlicht Tempo symbolisieren. |
| „Die Bilder illustrieren bekannte Mythen.” | Viele Steine sind stark verwittert. Schon Lindqvist warnte, dass „sicher Erkennbares” und bloß „Erratenes” kaum zu trennen seien. |
Das Museum von Gotland formuliert es offen: Die mythologische Lesart stützt sich darauf, schwache Ritzungen mit deutlich jüngeren, mittelalterlichen Textquellen wie der Edda zu verknüpfen. Manche Szenen wurden auch ganz anders gedeutet, etwa als Bezug auf antike Sagen. Wer ehrlich bleibt, sagt: Die Schiffe, das Trinkhorn-Motiv und Sleipnir sind plausibel mythologisch — bewiesen sind sie nicht.
Was sie über Schrift, Gedenken und Glauben verraten
Stellt man beide nebeneinander, ergibt sich ein Muster. Runensteine zeigen eine Gesellschaft, die zunehmend schreibt — und im Fall Jellings ihren Glaubenswechsel öffentlich dokumentiert. Bildsteine zeigen eine ältere, bildgetragene Erinnerungskultur, in der Mythologie und Totengedenken visuell verschmelzen. Der Übergang vom Bild zur Schrift, vom heidnischen Welcome-Motiv zum christlichen Kreuz, ist auf diesen Steinen physisch ablesbar.
Wer tiefer in die Zeichen einsteigen will, findet im Beitrag zu den Runen und dem Futhark die Schrift selbst erklärt; das Symbol der gefallenen Krieger behandeln wir im Beitrag zum Valknut, und einen Überblick liefert unsere Einführung in die nordische Mythologie.
Vom Stein aufs Textil
Diese Faszination für nordische Zeichen treibt auch unsere Arbeit bei North Legendary an. Was vor tausend Jahren in Granit und Kalkstein geritzt wurde, übersetzen wir respektvoll auf Textil — etwa als Original NORTH Rune oder in der gesamten Auswahl unserer Herren-Motive, und natürlich auch im Damen-Sortiment. Damit ein solches Motiv genauso langlebig wirkt wie sein steinernes Vorbild, drucken wir in Deutschland im DTG-Direktdruckverfahren: tief in die Faser, brillant und kratzfest. Die Textilien sind OEKO-TEX®-zertifiziert — Schadstoffe haben auf der Haut nichts verloren, an einem Symbol für Beständigkeit erst recht nicht.
So bleiben die steinernen Zeugen nicht im Museum, sondern werden Teil des Alltags — ehrlich erzählt, sauber belegt, ohne Esoterik.
Hat dir der Beitrag gefallen? Dann lass gern einen Kommentar da – oder bewerte ihn mit Sternen.
★ Bewerten & kommentierenQuellen
Das fragen sich viele.
Was ist der Unterschied zwischen Runensteinen und Bildsteinen?
Runensteine sind in erster Linie beschriftete Gedenksteine: Sie tragen Runeninschriften, meist im jüngeren Futhark, und erinnern an Verstorbene. Gotländische Bildsteine arbeiten dagegen vorrangig mit Bildern — Schiffen, Reitern, Götterszenen — und oft mit gar keiner oder nur knapper Schrift.
Welches Runenalphabet steht auf den Jelling-Steinen?
Das jüngere Futhark mit 16 Zeichen, das gängige Runenalphabet der Wikingerzeit. Der große Jelling-Stein entstand um 965 unter Harald Blauzahn und trägt das älteste bekannte Christusbild Skandinaviens.
Zeigt der achtbeinige Reiter wirklich Odin auf Sleipnir?
Das ist die geläufigste Deutung, etwa für den Bildstein von Tjängvide, aber sie ist nicht gesichert. Alternativ wurden ein Toter auf dem Weg nach Walhall, der Held Sigurd oder schlicht ein schnelles Pferd vorgeschlagen. Viele Steine sind stark verwittert.
Wie viele Runen- und Bildsteine gibt es?
Schweden zählt je nach Definition rund 1.700 bis 2.500 Runensteine, allein Uppland etwa 1.196. Von den gotländischen Bildsteinen sind heute rund 570 Stücke und Fragmente registriert; Lindqvists Standardwerk von 1941/42 kannte 240.
Warum gilt Jelling als Dänemarks Taufschein?
Weil der große Stein in seiner Inschrift festhält, dass Harald Blauzahn die Dänen zu Christen machte, und das älteste skandinavische Christusbild zeigt. Den Begriff prägte der Kunsthistoriker Rudolf Broby-Johansen in den 1930er Jahren.
In unseren Designs.
Dieses Motiv gibt es bei North Legendary® – in Deutschland bedruckt, OEKO-TEX® zertifiziert.
Bewertungen & Kommentare
Die Quellenangaben am Ende sind Gold wert.
Was mich an dem Beitrag zu Runensteine und Bildsteine besonders überzeugt: Ihr verkauft kein Halbwissen. An mehreren Stellen schreibt ihr klar, was Quelle und was spätere Deutung ist. Genau das fehlt mir bei den meisten Wikinger-Seiten. Ich habe das Thema danach noch eine Stunde weiterverfolgt – Kompliment an die Redaktion.
Sachlich, fundiert, gut lesbar – Respekt für die Recherche.
Schöner Mix aus Tiefe und Verständlichkeit. Gefällt mir.
Diese Beiträge passen dazu.
Tyr: Gott des Rechts und des Schwurs
Tyr Gott von Recht, Eid und ehrenhaftem Kampf: Wie er seine Hand an Fenrir opferte, was die Tyr-Rune bedeutet und warum der Dienstag nach ihm heißt.
Weiterlesen
Valknut – Bedeutung, Geschichte und Wahrheit des „Walhalla-Knotens
Was bedeutet der Valknut wirklich? Funde aus Gotland, der Bezug zu Odin und Walhalla, die Abgrenzung zur Triquetra und eine ehrliche Einordnung.
Weiterlesen
Gungnir: Odins unfehlbarer Speer
Gungnir Speer: Wer schmiedete Odins Waffe, warum sie nie ihr Ziel verfehlt, was Runen und Speerwurf bedeuten. Quellen aus Edda und Hávamál.
WeiterlesenWikinger-Designs, die zu diesem Beitrag passen.
Stöbere durch unsere komplette Kollektion im North Legendary® Amazon-Shop – OEKO-TEX® zertifiziert, in Deutschland bedruckt.
Zum Amazon-Shop



